Zu wenig Zivilcourage? – Der Bystander-Effekt

In den Medien hört man immer wieder von Fällen, in denen einer Person in Not nicht geholfen wurde, obwohl genug Menschen anwesend waren, die hätten helfen können. In den Schlagzeilen heißt es immer wieder, es fehle den Bürgern unseres Landes an Zivilcourage.

Fehlende Zivilcourage – so wird das Problem genannt und erklärt. Dabei wird die Schuld unreflektiert auf den Menschen, der nicht hilft, geladen. Leider wird nie erwähnt, wie es dazu kommt, dass potentielle Helfer wegschauen, anstatt einzuschreiten. Sind die meisten Menschen wirklich so ignorant und schlecht?

Ein bekannt gewordener Fall im Jahre 1964, der Fall „Kitty Genovese“, war der Auslöser für den Beginn einer intensiven Beschäftigung mit dem Thema Helfen in Notfallsituationen. Die New York Times berichtete in einem ihrer schockierensten Artikel: „Mehr als eine halbe Stunde lang schauten 38 achtbare, gesetzestreue Bürger in Queens zu, wie ein Mörder eine Frau in Kew Gardens belästigte und auf sie einstach.“ Die 28 Jahre alte Frau starb noch in jener Nacht. In Folge dieses Ereignisses machten sich viele Sozialpsychologen auf die Suche nach der Antwort auf die Frage, wie es dazu kommen konnte. Anders als die Politiker, welche aus dem Vorfall den „moralischen Zerfall der amerikanischen Gesellschaft“ deuteten und die Zeugen als Monster abstempelten, betrachteten John Darley und Bibb Latané die ausbleibende Hilfe aus dem Blickwinkel der Sozialpsychologie. Denn es war unwahrscheinlich, dass 38 Zeugen ausnahmslos schlechte Menschen waren. Vielmehr sollten die dahinter steckenden psychologischen Prozesse aufgedeckt werden.

Aus diesen Forschungsarbeiten geht hervor: Völlig kontraintuitiv ist es tatsächlich so, dass die Wahrscheinlichkeit, dass einer Person in Not geholfen wird, umso geringer ist, je größer die Anzahl der Zeugen ist. Dieses Phänomen wird in der Sozialpsychologie als Bystander-Effekt bezeichnet.

Dies hat verschiedene Gründe. Latané und Darley (1970) haben in ihrer Forschung herausgearbeitet, welche Faktoren in diesem Zusammenhang eine erhebliche Rolle spielen. Dabei konnten fünf Schritte identifiziert werden, die der Zeuge eines Notfalls überwinden muss, um dem Opfer tatsächlich zu helfen:

 

  1. Ereignis bemerken

So banal es klingt, manchmal sind Menschen so sehr mit anderen Dingen beschäftigt, dass sie tatsächlich nicht mitbekommen, wenn irgendwo etwas passiert, oder jemand in Not ist. Anders als bei einem Verkehrsunfall oder einem Brand, welcher die Aufmerksamkeit Unbeteiligter unmittelbar auf sich zieht, werden weniger auffällige Ereignisse teilweise einfach gar nicht wahrgenommen.

 

  1. Ereignis als Notfall interpretieren

Viele Notfallsituationen bieten mehrere Interpretationsmöglichkeiten. Es stellt sich für den Zeugen die berechtigte Frage: Handelt es sich hier wirklich um einen Notfall, oder ist es gar nicht so schlimm? Bin ich gerade Zeuge eines harmlosen Partnerschaftsstreits oder wird da gerade eine Frau von einem Fremden belästigt? Schläft der Obdachlose, der reglos auf dem Boden liegt nur, seinen Rausch aus, oder hatte er einen Herzstillstand und benötigt medizinische Hilfe?

Es entsteht für den Zeugen ein Zwispalt. Einerseits möchte er nicht tatenlos zusehen, wie einem hilfebdürftigen Menschen etwas passiert, andererseits möchte er sich auch nicht blamieren und irgendwo aktiv werden, wo es eine ganz harmlose Erklärung gibt.

Bei Unsicherheit  bezüglich der Interpretation eines Ereignisses orientieren sich Menschen in der Regel an dem Verhalten anderer. Notfallsituationen sind jedoch Ereignisse, die verhältnismäßig selten vorkommen, und für welche die meisten Menschen keine routinisierten Verhaltensweisen entwickelt haben. Wenn sich nun aber alle Menschen unsicher sind und sich deshalb aneinander orientieren, dann schreitet keiner ein und alle Anwesenden kommen irrtümlich zu der Schlussfolgerung, dass das Ereignis als harmlos zu bewerten ist. Diese kollektive Fehleinschätzung wird als Pluralistische Ignoranz bezeichnet.

Eines der bekanntesten sozialpsychologischen Experimente von Latané und Darley (1970) zeigt eindrucksvoll, wie stark die pluralistische Ignoranz sein kann, und wie mehrere Leute, die in einem Raum sitzen und bemerken, dass durch die Lüftung immer mehr Rauch herein kommt, scheinbar einfach unbekümmert weiter auf ihrem Platz sitzen bleiben, nur, weil alle anderen ja auch nicht reagieren. Einige blieben selbst dann noch ruhig sitzen, als der ganze Raum mit Rauch gefüllt war und sie den Fragebogen kaum noch sehen konnten. Offenbar dachte jeder: Wenn keiner den Rauch als Notfall definiert, wird es wohl auch keiner sein – ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass ein Notfall nie als solcher erkannt wird, wenn alle so denken.

 

  1. Verantwortung übernehmen

Der wohl entscheidenste Schritt ist, dass der Zeuge sich auch verantwortlich dafür fühlt, dem Anderen zu helfen. In diesem Schritt steckt der Hauptgrund, warum die Wahrscheinlichkeit für Hilfeverhalten mit der Anzahl an Zeugen sinkt. Ist jemand alleiniger Zeuge eines Notfalls, entsteht viel eher das Gefühl, auch die alleinige Verantwortlichkeit für ein Eingreifen zu haben. Sind aber mehrere Personen anwesend, sinkt das Gefühl der eigenen Verantwortlichkeit, denn sie verteilt sich auf mehrere Schultern. Es entsteht die Frage „Warum soll ausgerechnet ich denn jetzt was machen und nicht jemand anderes?“ Wir sprechen in der Sozialpsychologie hierbei von Verantwortungsdiffusion – der Abnahme der wahrgenommenen individuellen Verantwortlichkeit.

 

  1. Passende Art der Hilfeleistung auswählen

Selbst wenn ein potentieller Helfer nun die eigene Verantwortlichkeit erkannt hat, stellt sich immernoch die Frage, wie er denn nun konkret helfen soll oder kann. In einer gefährlichen Situation selbst einzuschreiten, kann für die eigene Person Gefahr bedeuten. Nicht selten waren mutige Helfer am Ende selbst die Leidtragenden und erlitten selber Verletzungen, wenn nicht sogar den eigenen Tod. Was ist bei einem bewusstlosen Obdachlosen zu tun? Ist es ein Herzanfall? Eine Alkoholvergiftung? Auch die Angst davor, falsch zu handeln, kann dazu führen, dass lieber gar nicht gehandelt wird.

 

  1. Entscheidung umsetzen

Letztendlich muss die Eintscheidung getroffen werden, tatsächlich zu helfen. Gerade wenn mehrere Leute anwesend sind, gerät der Zeuge, der helfen möchte, automatisch in eine Bewertungssituation. Wenn er nicht in der Lage ist, angemessen und erfolgreich einzuschreiten, könnte er von den anderen Anwesenden negativ bewertet werden oder sich lächerlich machen. Diese Bewertungsangst und die Angst, sich zu blamieren, kann letztendlich doch noch die Motivation reduzieren.

 

Wie kann das Helfen in Notfallsituationen gefördert werden?

In einem Experiment von Beaman, Barnes, Klentz und McQuirk (1978) hat sich gezeigt, dass alleine die Kenntnis über den Bystander-Effekt die Wahrscheinlichkeit verdoppelt, dass bei einem Notfall tatsächlich geholfen wird.

Zudem gibt es eine Reihe von Verhaltensregeln, an welche sich eine Person, die selbst in Not geraten ist, halten sollte, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhren, dass ihr geholfen wird:

  • Durch deutliche Zeichen oder Rufe auf sich aufmerksam machen, um sicherzustellen, dass die Notlage bemerkt wird.
  • Deutlich artikulieren, in welcher Lage man sich befindet („Ich werde angegriffen und brauche Hilfe!“) – Schreie oder Schmerzenslaute allein bieten mehrere Interpretationsmöglichkeiten!
  • Verantwortungsdiffusion vorbeugen, indem von den Personen, die sich in der Nähe aufhalten, eine Person direkt angesprochen wird („Hey, Sie in der blauen Jacke, bitte helfen Sie mir!“).
  • Dem Angesprochenen die Entscheidung bezüglich der Wahl der Hilfe erleichtern, indem konkrete Hilfe vorgeschlagen wird („Bitte rufen Sie die Polizei!“).

 

Fazit

Einfach von fehlender Zivilcourage reden ist leicht, aber zu kurz gedacht. Anstatt Menschen unreflektiert als Monster abzustempeln, sollten immer zunächst die komplexen psychologischen Mechanismen identifiziert werden, welche hinter einem Handeln oder Nicht-Handeln stecken.

 

Quellen:

Beaman, A. L., Barnes, P. J., Klentz, B., & McQuirk, B. (1978). Increasing helping rates through informational dissemination: Teaching pays. Personality and Social Psychology Bulletin, 4, 406-411.

Latané, B., & Darley, J. M. (1970). The unresponsive bystander: Why doesn’t he help? New York, NY: Appleton-Century-Crofts.

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