Was ist eigentlich Glück? (2)

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Die positive Psychologie beschäftigt sich unter anderem mit den Stärken, die in jedem von uns stecken. Es wird davon ausgegangen, dass Glück erlernbar ist. Eine ganz beliebte und mindestens genauso effektive Übung ist das sogenannte Glückstagebuch: Schreibe dir am Ende jeden Tages drei positive Dinge auf, die dir am Tag widerfahren sind.

Klingt zu banal, um zu funktionieren? Ich sage dir: Probier es aus!

Wer zu faul ist, sich am Abend kurz hinzusetzen und drei positive Dinge aufzuschreiben, der soll sich dann auch nicht beklagen. Was gibt es schon zu verlieren? Das Schlimmste, was passieren kann ist, dass es nicht funktioniert. Aber es wird funktionieren!

Es funktioniert, weil der Fokus durch diese Übung dauerhaft auf das Positive gelenkt wird. Wir tendieren dazu, im Alltag stets das Negative überzubewerten. Haben wir eine Rotphase, denken wir, das sei ja mal wieder typisch, denn bei uns ist ja immer jede Ampel rot. Haben wir aber mal eine Grünphase, bemerken wir das gar nicht. Ist der Chef mal wieder mies gelaunt und die Stimmung auf der Arbeit deswegen gekippt, ist das das ganz normale Leben. Immer dieser miese, fiese Chef! Aber dass der Chef mir ohne weiteres meinen gewünschten Urlaub genehmigt hat, obwohl zwei weitere Kollegen zur gleichen Zeit weg sind, das wird gar nicht weiter beachtet.

Lenken wir aber über einen längeren Zeitraum bewusst unsere Aufmerksamkeit auf das Positive, lernt unser Gehirn automatisch Positives zu erkennen.

Ich habe es selbst einmal getestet und ich war begeistert!

Vor einigen Jahren wurde im Internet eine „Glückstraining Challenge“ veröffentlicht. Dieses Glückstraining sollte sieben Wochen lang stattfinden. Jede Woche gab es neue Aufgaben, die binnen der folgenden Woche erledigt werden sollten. Zudem sollte jeden Tag Glückstagebuch geführt werden. Für diese Challenge musste ein eigener Account angelegt werden, da Verlauf und Erfolg des Trainings darin gespeichert wurden. Das Glückstagebuch wurde online geführt und bei einem vergessenen Eintrag gab es eine Erinnerung.

Es sollten jeden Tag drei positive Erlebnisse des Tages eingetragen werden. Und selbst, wenn es der scheußlichste Tag des Lebens gewesen war, es mussten drei positive Dinge eingetragen werden!

Und tatsächlich gab es in dieser Zeit Tage, die hätten scheußlicher nicht sein können. Tage, an denen einfach alles schiefläuft, an denen schon beim ersten  Schritt aus dem Bett klar ist, dass es kein guter Tag wird. Und dann abends drei positive Dinge aufschreiben, das wirkt paradox.  Aber genau das ist es worauf es ankommt.

Stand ich die Hälfte des Tages im Stau, war auf der Arbeit schlechteste Stimmung, hatte ich einen total unschönen Streit und ist mir dann auch noch im Supermarkt eine Packung Milch runtergefallen und deren Inhalt durch die Supermarktgänge geflossen, muss ich mir überlegen, was trotzdem schön war. Und plötzlich fällt es mir ein: Die Kassiererin hat mich wirklich unglaublich freundlich angelächelt. Das Essen in der Kantine war heute tatsächlich mal richtig lecker. Und als ich an der üblichen Autobahntankstelle vorbei fuhr und den Namen des Rasthofes auf dem entsprechenden Schild las, hatte ich kurz ein vertrautes Gefühl, weil ich bereits seit Jahren immer daran vorbei fahre und es mir ein sicheres Gefühl von geregeltem Leben gibt.

Am Ende eines beschissenen Tages fühlte ich mich wohl, auf Grund eines Lächelns, eines Mittagessens und eines Tankstellenschildes!

So lernt man die ganz kleinen Dinge, die wirklich ganz ganz kleinen Dinge im Leben zu schätzen!

Aber es ging noch weiter. Ich fing an über diese Tankstelle nachzudenken. Ich musste an früher denken. An die ersten Male, als ich diese Strecke gefahren bin. Damals mit einer guten Freundin und Kommilitonin, weil wir an der Uni gemeinsam ein Projekt im Labor durchgeführt haben. Ich habe sie immer auf halber Strecke eingesammelt und zusammen sind wir, nachdem wir uns bei Mc Donalds einen Coffee to go bestellt haben, bei viel zu lauter Nightwish Musik über die Autobahn in Richtung Uni geheizt. Einmal war der Tank so gut wie leer und wir haben darum gebangt es noch rechtzeitig zu einer Tankstelle zu schaffen. Sie hat dabei mit ihrem stets vorhandenen schwarzen Humor den „Wir müssen tanken, und wenn wir nicht tanken, bleiben wir stehen“ Song erfunden und daher geträllert. Am Ende hat uns besagte Autobahntankstelle den Tag gerettet. Es war eine tolle Zeit damals. Und weil ich trotz mieser Laune drei positive Dinge aufschreiben musste, weil das einzig Positive an diesem trüben Tag ein Tankstellenschild zu sein schien, war ich plötzlich in Erinnerungen an eine richtig schöne Zeit versunken.

 

Glück ist subjektiv, individuell und steckt in jedem von uns!

 

Glück definiert jeder für sich selbst. Zumindest sollte es so sein. Sich von anderen sagen zu lassen, was Glück ist oder sein sollte, ist der erste Schritt in Richtung Unglück. Geld, Macht, Status, ist das wirklich das, was mich glücklich macht, oder ist es eher das, was andere von mir erwarten? Wenn ich ein erfolgreicher Manager bin, dann habe ich hohes Ansehen vor…. ja vor wem…. vor anderen Managern, vor meinem Vorgesetzten, oder vielleicht bin ich selbst der Vorgesetzte und kann die armen Mitarbeiter unter mir schikanieren, vor meinen Feinden? Besteht mein Glück darin, Menschen zu beeindrucken, die ich eigentlich gar nicht mag oder die mir im Grunde egal sind?

Geld zu haben ist sicherlich nicht schlecht. Aber ich möchte Geld haben, um damit das machen zu können, was mich wirklich glücklich macht – zum Beispiel eine schöne Thailandreise zu realisieren.

 

Glücklich ist nicht, wer viel hat, sondern wer wenig braucht.

 

Wenn ich viele kleine Dinge weiß, die mich in meinem Alltag begeistern und mir ein Glücksgefühl geben, dann habe ich einen großen Puffer gegen akutes Unglück. Wenn ich all diese kleinen Dinge zu schätzen weiß, kann ich es erreichen, mich dauerhaft und nachhaltig als glücklichen Menschen bezeichnen zu können.

Nicht alles ist auf diese Weise sofort lösbar und mancher Schmerz hat durchaus seine Daseinsberechtigung, kann nicht einfach bei Seite geschoben werden. Aber in jedem Falle können die kleinen Freuden immer ein kleines Licht ins Dunkel bringen.

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2 Antworten zu Was ist eigentlich Glück? (2)

  1. Pingback: Was ist eigentlich Glück? (1) | Reise meines Lebens

  2. Papierturm schreibt:

    Mal noch ein paar Stichwörter, die beim Thema „Glück“ dazu gehören:
    1. Flow. Quasi in jeder Forschung, die sich zum Ziel machte, Glück zu erforschen, kam der Forscher irgendwann auf ein Konzept, das sehr nahe an Mihalys Flow war.
    2. Geringe bis keine Bedürfnisspannung. Leider ignorieren viele Menschen Primärbedürfnisse, das rächt sich.
    3. Gegenwartsorientierung. Jede Emotion hat eine Zeitkomponente (z.B. habe mal Angst vor etwas, das in der Vergangenheit liegt – außer, du packst es gedanklich in die Zukunft, im Sinne es könnte ja nochmal passieren), und bei Glück ist dies die Gegenwart. Tatsächlich ist die „Glückstagebuchübung“ im Endeffekt auch eine Übung zur Gegenwartsorientierung, da man da erstmal anfängt zu bemerken, was alles so im Laufe des Tages passiert.
    4. Nicht völlig verbogene Referenzrahmen. Der Stau ist ein schönes Beispiel. Um im Stau zu stehen muss man ein Auto haben, einen Führerschein, einen Grund zu fahren, die notwendige Gesundheit zu fahren, und sehr viel mehr. Selbst im Stau stehend gibt es unzählige gegenwärtige Sinneseindrücke. Zudem auch die Chance, die unfreiwillige Auszeit für sich zu nutzen.
    … oooder man geht gedanklich in die Zukunft und ärgert sich, jetzt gerade noch nicht da in der Zukunft zu sein, also am Ziel. Weg, Ziel, Reise und so.

    Papierturm

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