Auf der Flucht vor sich selbst

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Manche Menschen sind ständig auf der Flucht. Viele wissen gar nicht so genau wovor eigentlich. Sie reisen dauerhaft durch die Welt, wechseln ständig den Wohnort oder bauen nie wirklich feste Freundschaften auf. Glücklich sind sie damit aber nicht.

Letztendlich sind diese Menschen auf der Flucht vor sich selbst. Problem dabei ist nur, dass sie ja ihr größtes Problem, nämlich sich selbst, immer mitnehmen.

Auf Koh Phi Phi lernte ich einen italienischen Tauchlehrer kennen. Der schien so ein tolles Leben zu haben. Ich beneidete ihn irgendwie. Tauchlehrer an irgendeinem tollen warmen Urlaubsort – das ist ja quasi der Inbegriff von Freiheit und Glück. Das wünschen sich viele. Ich sagte ihm, wie ich ihn beneide und dass er sich ja genau den Traum erfüllt hat, den so viele zeitlebens mit sich herum tragen. Darauf antwortete er nur ganz nüchtern, dass er das nur täte, weil er vor irgendetwas auf der Flucht sei. Er wisse nicht vor was. Aber er sei damit nicht glücklich. O-Ton: „You are talking to someone who is running away from something that he doesn’t know what it is.“

Wer die ganze Zeit sein Glück erfolglos immer woanders sucht, der muss irgendwann erkennen, dass kein Weg daran vorbei führt, sich dem Ursächlichen Problem, und damit sich selbst zu stellen.

Der erste Schritt ist aber das zu erkennen und alleine das schaffen vermutlich viele nicht, oder zumindest erst sehr spät. Und je älter man ist, desto schwieriger ist es vermutlich, an sich selbst zu arbeiten, emotional alles aufzuarbeiten und sich auf die alten Tage von dem Menschen, der man die ganze Zeit war, der einem auch vertraut ist, zu verabschieden. Dennoch bedeutet leben auch ein lebenslanges Lernen. Und verändern kann man immer etwas, sofern man es wirklich will.

Leider wird das persönliche Unglück meistens auf die Umwelt geschoben. Hatte man eine schlechte Zeit, assoziiert man mit dieser Zeit auch die Menschen, die einen in dieser Zeit umgeben haben. Folglich distanziert man sich von Menschen, die nichts dafür können, die einem in einem anderen Kontext vielleicht sogar gut täten. Trifft man auf eine Person aus dieser schlechten Zeit wird man durch diese Person auf sich selbst in dieser Zeit zurück geworfen. Vielleicht empfindet man den Kontakt sogar als Rückschritt, weil man meint weiter gekommen zu sein und diese Person ja automatisch zu einer vergangenen negativen Zeit dazu gehört. Aber die Assoziation ist konstruiert. Wie kann ein anderer Mensch ein Rückschritt sein oder Schuld daran, dass man sie vielleicht zur falschen Zeit kennengelernt hat? Sofern die andere Person nicht ganz offensichtlich schuld daran ist, dass man keine gute Zeit hatte, ist diese Assoziation unfair. Die andere Person entwickelt sich ja auch weiter, hat ein eigenes Leben und sicherlich noch ganz andere Lebenskontexte als jenen in dem man ihr begegnet ist.

Das kennt sicherlich so gut wie jeder. Man sagt sowas wie „Ich will mit den Leuten aus der Oberstufe nichts mehr zu tun haben“. Man sagt das, weil man damals vielleicht persönlich eine schwere Zeit hatte. Man hat diese Zeit aber hinter sich gelassen und will deswegen auch mit den Leuten aus der Zeit nichts mehr zu tun haben. Tatsächlich nenne ich dieses Beispiel, weil es auf mich selbst zutrifft. Tatsächlich habe ich aber in der Zwischenzeit einige Menschen aus dieser Zeit von diesem Kontext gelöst und mit ihnen gemeinsam einen völlig neuen Kontext aufgebaut. Die heutige Freundschaft hat mit damals überhaupt nichts mehr zu tun. Wir verstehen uns einfach grundsätzlich gut und haben gemeinsam die damalige Zeit hinter uns gelassen – mittlerweile mit einem Lächeln.

Ähnlich ist es mit Orten. Was kann ein Ort dafür, wenn man unglücklich ist? Man zieht irgendwo neu hin, erhofft sich einen Neuanfang, dass nun alles gut wird. Das wird es aber nicht, wenn man nachwievor selbst das Problem ist. Am Ende zieht man weiter und kehrt dem Ort den Rücken mit den Worten „da bin ich eh nicht glücklich geworden“ zu. Interessant wird es, wenn man in diesem Ort aber Freunde hinterlässt, die man dann vielleicht eines Tages besucht. Wenn man sich in der Zwischenzeit selbst weiterentwickelt hat, erlebt man den Ort völlig neu. Man bleibt vielleicht ein Wochenende, kommt nochmal an die alten Orte und merkt, dass dieser Ort selbst gar nicht so der Horror ist, wie in der Erinnerung.

Vielleicht zieht man sogar eines Tages aus irgendeinem Grund zurück. Dann ist man aber ein anderer Mensch als in der Vergangenheit. Und plötzlich hat man am gleichen Ort mit vielleicht dem einen oder anderen gleichen Menschen wie früher ein völlig neues und viel glücklicheres Leben und merkt, dass weder Menschen noch Orte fest an persönliche, in sich selbst verankerte, Probleme gebunden sind.

Durch die Welt reisen, neue Leute und Orte kennenlernen, das ist nicht per se schlecht. Aber es ist nicht zielführend und auch nicht erfüllend, wenn man es tut, um vor Problemen wegzulaufen.

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4 Antworten zu Auf der Flucht vor sich selbst

  1. Mike schreibt:

    Ein sehr interessantes Thema. Und ich denke, ich werde nicht der Einzige sein, der sich in deinen Worten wiederfindet.

    Starke Emotionen – egal ob positiv oder negativ – rufen sehr viele Assoziationen hervor. Gerüche, Gegenstände, Orte, Menschen können diese Emotionen wieder zurück in die Erinnerung rufen.

    Wenn ich mal an meine Erfahrungen zurückdenke, dann sind diese Verknüpfungen so stark, dass ich mir nicht vorstellen kann, sie zu durchbrechen.

    Das bedeutet jetzt nicht zwangsweise, dass ich mich von Orten fernhalte oder mit bestimmten Menschen nicht mehr in Kontakt gehe. Es bedeutet aber durchaus, dass einige Dinge eine sehr große Überwindung kosten.

    Hast Du da ein paar Tipps?

    Gefällt 1 Person

  2. psicake schreibt:

    Lieber Mike,

    wie mit dem Spruch „Man kann nicht nicht kommunizieren“ verhält es sich mit Assoziationen: Man kann nicht nicht assoziieren. Genau so funktioniert das Gehirn nun einmal. Ohne die Fähigkeit zur Assoziation wären alle Informationen ein zusammenhangloses Wirrwarr. Es gäbe für uns keine Vergangenheit, keine Gegenwart, keine Zukunft. Wir würden uns im Alltag nicht zurecht finden.

    Das Gute ist, wir Menschen besitzen die Fähigkeit zur Metakognition, das Nachdenken über das Denken selbst. Wenn wir über einen Prozess Bescheid wissen, können wir bewusst dagegen lenken. So ist es auch mit Vorurteilen. Aus sozialpsychologischen Untersuchungen geht hervor, dass jeder Mensch Vorurteile hat. Wenn wir das wissen und diese Tatsache akzeptieren, können wir uns unsere Vorurteile bewusst machen und dagegen lenken.

    Habe ich einen Tipp? Nun, ich selbst bin keine Therapeutin und möchte ungerne mit konkreten Ratschlägen um mich werfen, die eventuell umgesetzt in die Hose gehen. Grundsätzlich ist bereits viel gewonnen, wenn ich mir meiner inneren Prozesse und Probleme bewusst werde. Alleine der Wille etwas zu verändern, ist ein großer Schritt. „Sich selbst überwinden“ ist erlernbar. Mit Übungen zum Beispiel. Ich selbst hatte früher verstärkt soziale Ängstlichkeit, das heißt immer in der Öffentlichkeit diesen Gedanken „ooooh was denken die Anderen?“. Das habe ich bekämpft, indem ich mich bewusst in unangenehme Situationen begeben habe. Dadurch merkst du dann nämlich, dass überhaupt nichts Schlimmes passiert. Die meisten Menschen sind nämlich in der Regel viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um irgendetwas Negatives bei anderen zu entdecken.

    Daher wäre meine Idee: Konfrontation. Es wird sicherlich mit jedem Male besser. Hast du das Gefühl, du kannst irgendeine Assoziation nicht durchbrechen, dann setze dich dem Reiz bewusst aus und schaue was passiert. Ist die entsprechende Assoziation noch zu stark und du fühlst dich zu unwohl dabei, versuche es erstmal mit „kleineren“ Baustellen. Auf diese Weise kannst du dich vielleicht der großen Baustelle annähern. Es verhält sich vielleicht wie bei dem „Foot in the door“ Effekt. Erbitte ich von einer Person einen kleinen Gefallen, den diese Person mir erfüllt, ist der Schritt zu einem größeren Gefallen wesentlich kleiner.

    Eine andere Idee wäre, mit positiven Affirmationen zu arbeiten. Stelle dir die Situation vor, wie sie wäre, wenn du dich überwindest. Wie toll könnte es sein. Sage dir selbst immer wieder, dass du ein Mensch bist, der über negative Erfahrungen drüber steht. Wenn du davon überzeugt bist, dass du so ein Mensch bist, wirst du automatisch auch so handeln.

    Das wären so meine Ideen. Ich selbst bin ein Mensch, der einfach gerne ausprobiert. Gerade Dinge, bei denen ich nicht weiß, was passieren wird, die reizen mich. Ich weiß, dass es schief gehen kann, aber mit dieser Akzeptanz klappt es dann in der Regel.

    Beste Grüße
    psicake

    Gefällt 1 Person

  3. psicake schreibt:

    Vielen Dank, toe, für das Kompliment!

    Dann aber Therapeutin ohne Ausbildung. Heißt, ich darf nicht praktizieren. Es ist aber auch nicht mein Wunsch, bzw. ich möchte es gar nicht. Ich bin mir der hohen Verantwortung bewusst und möchte diese nicht übernehmen. Zudem muss ein guter Therapeut in der Lage sein, seine Fälle bei Feierabend in der Praxis liegen zu lassen und wirklich Feierabend – also auch im Kopf – zu haben. Ich kenne mich gut genug, um zu wissen, dass ich das nicht könnte und auch noch nachts über meinen Fällen grübeln würde. Das würde mich auf Dauer sicherlich selbst therapiebedürftig machen ;).

    Beste Grüße
    psicake

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