Haben Freunde immer Recht?

Wissenschaftlich ist es erwiesen, dass Frauen ihre Probleme vor allem mit ihren Freundinnen besprechen. Sie haben ein breites Netzwerk, das sie im Notfall auffängt. Alles wird bis zur Unkenntlichkeit durchgekaut und analysiert. Mit diesem Verhalten haben Frauen automatisch eine super Copingstrategie an der Hand. Probleme herunter schlucken ist nicht gerade produktiv und bewirkt meistens, dass es nicht besser wird, oder nur scheinbar, und irgendwann doppelt so schlimm wieder hoch kommt. Während Frauen sich also mit ihren mentalen Wehwehchen sofort an ihre Freundinnen wenden, ist das bei Männern eher selten oder zumindest nicht so ausgeprägt.

Männer gelten ja generell lieber als stark und emotional endlos belastbar und reden deshalb lieber über Autos, Fußball und Grillen. Damit schlucken Männer ihre Probleme eher herunter oder versuchen sie irgendwie durch Sport oder Aggressivitäten rauszulassen.

Jetzt denkt man, da hat die Frau doch den klaren Vorteil, aber auch das Probleme-Wälzen mit Freundinnen kann kontraproduktiv sein. Ich glaube, wir Frauen kennen das fast alle. Man sitzt dann abends zusammen und redet über das Problem. Zunächst fühlt sich das gut an, weil man es sich mal von der Seele geredet hat, man sich verstanden fühlt. Doch dann geht es weiter. Das Problem wird nicht mehr in Ruhe gelassen, es wird richtig seziert. Die Folge ist, dass man sich unnötig hinein steigert und gar nicht mehr auf andere Gedanken kommt.

Am Ende hat der Mann sein Problem vielleicht zwar nur verdrängt, aber er denkt wenigstens nicht ständig dran, die Frau schon, weil sie es mit ihren Freundinnen totgeredet und in sich hinein gebrannt hat. Längerfristig ist die Frau da natürlich im Vorteil, aber für den Moment ist es nicht unbedingt die beste Lösung.

Natürlich besprechen auch Männer ihre Probleme mit anderen. Meistens mit weiblichen Freunden, aber auch mit anderen Männern. Und hier kommt das nächste Problem. Der beste Freund oder die beste Freundin hat nun ihre Meinung kundgetan und vielleicht einen sehr gut gemeinten Ratschlag gegeben:

Darauf hören oder nicht? Haben unsere Freunde mit dem, was sie sagen, automatisch Recht? Weil sie unser Problem aus einer objektiven Perspektive sehen und dadurch mit einer größeren Distanz besser bewerten können?

Ich habe da eine ganz klare Ansicht zu: Ich glaube fest daran, dass unsere Freunde wirklich nur das Beste für uns wollen, aber nicht unbedingt wissen, was das Beste für uns ist.

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Egal was die Freunde gesagt haben, es endet eh immer so

Wir bilden uns unsere Meinung in der Regel aus eigenen Erfahrungen und dem was wir selbst kennen und erlebt haben. Die Basis unserer Ratschläge für andere ist unsere eigene Perspektive und Sicht auf die Dinge, ebenso wie unsere Vorstellung von Moral und davon, was richtig und was falsch ist. Was für uns aber selbst gut ist, ist für unsere beste Freundin vielleicht gar nicht so gut. Immer hören wir „Der Typ ist nichts für dich“, „mach auf jeden Fall diese Erfahrung!“, oder „Mach das bloß nicht, das wird schief gehen!“.  Die Menschen um uns herum wollen uns natürlich helfen und gute Ratschläge geben, aber woher wollen sie wissen, was der richtige Weg für uns ist?

Woher wollen wir wissen, ob es in dem Sachverhalt, der eine Freundin betrifft, nicht noch ganz andere Variablen gibt, die sie bewusst oder unbewusst verschwiegen hat, aber ein ganz anderes Licht auf die Sache werfen würden?

Früher war ich auch schnell mit Ratschlägen und Bewertungen. Da kam schnell mal ein „Ach der verarscht dich doch nur“ raus. Aber wenn ich den Menschen, um den es geht, gar nicht kenne, woher soll ich wissen, ob er es nicht doch ernst meint und ich gerade meiner Freundin von dem Mann abrate, den sie eventuell später heiraten und mit dem sie Kinder kriegen würde? Ich höre von einem vermeintlich negativen Verhalten und schlussfolgere sofort daraus, dass dieser Mann ja gar nicht gut für meine Freundin sein kann. Aber vielleicht gibt es eine gute Erklärung für dieses Verhalten. Vielleicht ist da mehr, was die beiden verbindet, wovon ich aber gar nicht wissen kann.

Mal davon abgesehen, mit unseren vorschnellen Urteilen unterstellen wir unbekannten dritten Menschen einfach Dinge, die vielleicht gar nicht stimmen. Uns selbst kann das ja egal sein, denn es ist nicht unsere eigene Baustelle, aber für unsere Freunde, die wir beraten, hängt da eventuell viel dran. Und je nach dem, ob unsere Freunde auf uns hören oder nicht, entwickelt sich ihr Problem vielleicht in eine unschöne Richtung, obwohl es das gar nicht müsste.

Ich halte mich mittlerweile möglichst zurück und versuche es eher mit Sätzen wie: „Was fühlt sich für dich denn richtig an?“. Das fördert nicht nur das Selber-Denken, sondern befreit mich auch von jeglicher Verantwortung, irgendetwas Falsches zu raten oder irgendjemanden, den ich nicht kenne zu Unrecht zu verurteilen. Klar ist das manchmal etwas doof, vor allem, wenn es dann heißt „Du bist doch Psychologin, du musst doch wissen, was man da tun kann!“. Hm, wenn Psychologen die Antwort auf alle Fragen hätten, dann hätte ich wohl den Jackpott geknackt.

Ich selbst lege viel Wert auf die Meinung meiner Freunde. Aber ich möchte einfach nur verschiedene Perspektiven hören, um ein erweitertes Bild zu bekommen. Letztendlich halte ich mich nicht einfach blind an irgendwelche Ratschläge, sondern ich horche in mich selbst hinein, ob ich das Gefühl habe, dass Ratschlag X gar nicht so falsch klingt, oder dass mir mein Gefühl sagt, dass eine ganz andere Lösung doch wesentlich besser wäre. Ich selbst kenne mich am besten und weiß demnach auch am besten, was gut für mich ist, aber auf dem Weg zu meiner Lösung werde ich gerne von Freunden mit erweiterten Sichtweisen begleitet. Manchmal ist man auch einfach nicht ehrlich zu sich selbst und braucht einen kleinen Schubser, oder jemanden der einem gehörig den Kopf wäscht. Aber die endgültige Entscheidung sollte mit bestem Wissen und Gewissen aus mir selbst heraus kommen.

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