Abschied

Kennt ihr noch aus der Kindheit bzw. Jugend diese alten Bücher, oder diese Online-Steckbriefe, in denen man Fragen über sich selbst beantworten musste? Zu der Frage „was hasst du?“ schrieb ich immer: „Abschiede“. Das hat sich bis heute nicht geändert. Manche Dinge sollten einem im Laufe des Lebens, mit wachsender Erfahrung, leichter fallen, aber Abschiede sind immer wieder aufs Neue verdammt schwer.

Ich weiß noch, wie ich mit 16 Jahren am Flughafen Minneapolis, USA mit den Tränen zu kämpfen hatte, weil ich meine Verzweiflung nicht offen zeigen wollte, aber einen schlimmen Abschied hinter mich bringen musste. Ich musste mich von einem Menschen verabschieden, der mir sehr sehr wichtig war und ich wusste, auf realistischer Ebene, dass es ein Abschied für immer war. Insgeheim hofft man, dass es anders ist, aber eigentlich weiß man es besser. Als ich endlich im Gate in einer recht leeren Ecke saß, ließ ich den Tränen freien Lauf und fragte mich zum ersten Mal ernsthaft, ob man durch Abschiedsschmerz sterben kann.

Zugegeben, ich weiß inzwischen, dass man daran nicht stirbt und dass es auszuhalten ist. Dennoch tun mir Abschiede nachwievor weh, ob sie nun für immer sind oder nicht.

Heute war mein letzter Arbeitstag in der Institution, für die ich fünf Jahre lang gearbeitet habe. Da befristete Zeitverträge bei uns die Normalität sind, kann ich sagen, dass fünf Jahre eine verdammt lange Zeit waren.

Es ist komisch. Die Arbeit war Routine, ebenso wie der Umgang mit meinen Kollegen und Kolleginnen. Manche mochte ich sehr, manche weniger, aber mit allen kam ich gut zurecht. Richtig darüber nachdenken, wen ich vermissen werde und wen nicht, tu ich erst seit einer Woche, seit es stramm auf den heutigen Tag zugeht.

Interessant ist auch, dass ich in der letzten Zeit zum ersten Mal mit einigen Kollegen wirklich aufrichtige Gespräche hatte. Mit manchen habe ich zum ersten Mal Kontaktdaten ausgetauscht, weil sich nun, wo ich gehe, deutlich gezeigt hat, dass wir gerne Kontakt halten würden. Ob der Kontakt hält? Auch wenn sich das Leben manchmal komplett ändert, ist es nie verkehrt etwas aus dem „alten Leben“ mitzunehmen. Ich nehme gerne Menschen mit, die ich in meinem neuen Lebensabschnitt dabei haben möchte. Wer letztendlich bleibt, das zeigt die Zeit.

Wenn das Arbeitsverhältnis irgendwo endet, endet gleichzeitig auch ein Lebensabschnitt. Eine Veränderung steht bevor. Es ist völlig normal, dass Veränderung zunächst bedrohlich wirkt. Die meisten Menschen haben Angst vor Veränderung. Nicht, weil sie grundsätzlich keine Veränderung wollen, sondern weil Veränderung potenzielle Gefahr bedeutet. Es ist zwar alles offen, es beginnt ein unbeschriebenes Kapitel, in dem alles passieren kann, aber es gibt keine Garantie dafür, dass das, was passiert, auch positiv sein wird.

Aber absolute Sicherheit gibt es nie im Leben. Auch in der gleichen Situation zu verharren, kann einen unmittelbar ins Unglück stürzen. Woher will ich wissen, ob der Flusslauf, auf dem ich mich befinde nicht genau jener ist, der zum Wasserfall führt? Aber genau so könnte es auch sein, dass die Abzweigung die ich nehme genau der Flusslauf in Richtung Wasserfall ist. Aber ist die Zukunft wirklich so determiniert?

Meiner Meinung nach: ein absolutes Nein! Ich finde es wichtig, Dinge zu wagen, sich auch mal aus der eigenen Komfortzone heraus zu begeben. Zu sagen: „Ich habe hier lange genug gearbeitet, jetzt verlasse ich mal die Institution und begebe mich auf einen ungewissen Pfad“. Und dann muss ich aus der neuen Situation das Beste herausholen. Wichtig ist doch, selbst der Jenige zu sein, der seine Umwelt kontrolliert und nicht der Jenige, der von seiner Umwelt kontrolliert wird.

Ich bin heute sehr emotional und irgendwie traurig. Es war eine schöne Zeit, einige Menschen werde ich vermissen, das Kantinenessen eher weniger. Eine Tür geht zu. Aber wenn eine Tür zugeht, geht irgendwo eine andere auf.

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Loslassen ist eine schwierige Kiste. Besonders, wenn manche Dinge ungeklärt bleiben. Es gibt nicht für alles ein Happy End. Der erste Schritt des Loslassens ist Akzeptanz. Akzeptieren, dass etwas vorbei ist, akzeptieren, dass etwas nicht zu ändern ist. Man muss Dinge nicht gutheißen, aber man sollte sie aktzeptieren, sonst bleibt man daran hängen und kommt nicht vorwärts. Eine Kollegin meinte heute auf meiner Abschiedsfeier ganz zutreffend: „Wenn ich etwas loslasse, habe ich beide Hände frei“.

Überhaupt hat meine Abschiedsfeier alle Erwartungen übertroffen. Es waren mindestens 20 Kollegen da. Die Stimmung war oberste Liga. Wenn du fünf Jahre irgendwo gearbeitet hast und zu deinem Abschied 20 Leute erscheinen, von denen viele noch nicht einmal in deiner Einheit gearbeitet haben, dann ist das wirklich ein Grund, sich zu freuen. In der Arbeitsroutine gehen viele Sachen unter, vieles, was man sich eigentlich gerne mal sagen würde. Vieles kommt erst zur Sprache, wenn der Abschied ansteht. Von daher können Abschiede auch etwas Gutes haben. Über vieles, was mir heute gesagt wurde bin ich zutiefst berührt. Sogar ein riesen Abschiedsgeschenk habe ich überreicht bekommen. Aber nicht irgendein obligatorisches Abschiedsgeschenk, sondern ein, mit viel Mühe zusammengestelltes, individuell auf mich abgestimmtes Paket. Meine Kollegen wussten genau, was sie mir schenken können, worüber ich mich freuen würde. Auch aus einer anderen Einheit gab es eine Kleinigkeit, was absolut nicht selbstverständlich war. Ich freue mich riesig, weiß dadurch, dass das was ich tue richtig ist, dass ich scheinbar von meinen Kollegen gemocht wurde.

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Jetzt lasse ich in Gedanken die vergangenen Arbeitsjahre noch einmal revue passieren. Ab morgen wende ich mich allem Neuen zu, das nun kommen wird.

Wie geht ihr mit traurigen Abschieden um? Welche Erfahrungen habt ihr mit Jobwechseln gemacht? Wart ihr froh oder traurig? Hat euer Kontakt zu ehemaligen Kollegen gehalten? Schreibts in die Kommentare!

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6 Antworten zu Abschied

  1. Papierturm schreibt:

    Einstein soll gesagt haben, als sich sein naher Tod ankündigte, man solle nicht um ihn trauern – die fortschreitende Zeit sei physikalisch nur eine Illusion, doch eine Illusion, die sich sehr hartnäckig halte.

    Irgendwie muss ich gerade an die Traueraufgaben nach Worden denken – nur ein wenig angepasst.
    Aufgabe 1: Realisieren, dass es vorbei ist.
    Aufgabe 2: Die Emotionen durchleben.
    Aufgabe 3: Fähigkeiten erwerben, um nun nach dem Verlust genauso im Leben stehen zu können wie davor. (Auch Arbeitsstellen bringen teils arg versteckte Vorteile, deren man sich oft erst im Nachhinein bewusst wird, z.B. gut Dinge auf der Arbeit lassen können durch längere Pendelstrecken. Fallen die Pendelstrecken dann weg, muss man plötzlich lernen Dinge aufm Arbeitsplatz zu lassen.)
    Aufgabe 4: Einen stabilen emotionalen Ort in der eigenen Geschichte finden für das, was verloren ging.

    Hier komme ich auf Einstein zurück. Bei einem Abschied ist etwas vorbei, aber es ist nicht vollkommen verloren. Die Vergangenheit existiert weiter. In unserer Geschichte. Kein Moment kehrt je zurück, und doch wandern sie mit uns mit. Die Frage ist nicht ob, die Frage ist wie. Durch Abschiede, durch den klaren Schnitt, setzen wir uns mit genau dieser Frage auseinander. Was wir vielleicht öfter tun sollten. Aber nur dann tun, wenn eine Endgültigkeit dazu kommt, die wir auch als solche wahrnehmen.

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  2. Claudia Riege schreibt:

    Mich haben Abschiede immer sehr traurig gemacht. Ich habe auch die Erfahrungen, mich im Ausland quasi für immer verabschieden zu müssen. Der Tod meiner Eltern war dann noch schlimmer und so etwas wie die Krönung zu dem Thema. Es war immer so, als wenn man mir das Herz bei lebendigem Leibe rausreisst. Eine Freundin sagte dazu: „Siehste, deshalb vermeide ich Nähe zu anderen. Dann kann mir das nicht passieren.“ Das hatte mir auch nicht gefallen. Inzwischen habe ich begriffen, dass man sich für positive angenehme Gedanken entscheiden kann. Ich habe mir die Situationen also genau angeschaut und mich in verschiedene Richtungen schlau gemacht. Und siehe da…es haben sich viele wunderschöne Gedanken gezeigt. Des Weiteren habe ich darum gebeten, dass die ungünstigen Gedanken verschwinden und mich nicht mehr nerven. Funktioniert 🙂
    Ja, die Jobwechsel habe ich ähnlich erlebt wie Du. Mancher Kontakt hat gehalten. Super schön!

    Beste Grüße
    Claudia

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    • psicake schreibt:

      Liebe Claudia,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Nähe zu vermeiden ist m.M.n. nicht die Lösung. Wer keine Nähe zulässt verpasst das Beste, was es im Leben gibt. Es ist ja ganz normal: Je höher man klettert, desto tiefer kann man fallen. Ich muss mir quasi alles Gute im Leben verbieten, weil ich dann auch nie etwas verliere. Aber dann habe ich auch nie etwas.

      Verlust gehört zum Leben dazu und eine Aufgabe im Leben ist, zu lernen, damit umzugehen. Freundschaften gehen kaputt, Beziehungen scheitern, Menschen sterben. Das ist der Lauf der Dinge und nur weil man wegschaut, hört es nicht automatisch auf zu passieren. Ich habe auch Verluste erlebt und mich sehr schwer damit getan. Wenn man aber an sich selbst arbeitet, dann lernt man auch Dankbarkeit statt Leid. Starke Nähe zu erleben ist etwas, was viele sich ihr Leben lang wünschen aber nie erfahren. Wenn man eine ganz tolle Zeit hatte, sollte man dankbar dafür sein, das einmal erlebt zu haben. Dieses Geschenk zu haben, das anderen niemals zuteil wird. Wenn eine schöne Beziehung scheitert, sei dankbar, einmal eine große Liebe erlebt zu haben. Wenn ein Mensch stirbt, sei froh, ihn kennengelernt und mit ihm eine wünderschöne Zeit gehabt zu haben.

      Die Kunst ist, aus Vergangenem Kraft zu schöpfen und Zuversicht, dass man immer wieder neue schöne Dinge erlebt. Denn man weiß ja, dass man es kann. Das Leben besteht aus Gegensätzen: Leben und Tod, Tag und Nacht, Freude und Leid. Ohne Leid keine Freude. Glück erkennt man nur im Leid. Beides gehört zusammen. Wenn man beidem aus dem Weg geht, dann dümpelt man sein Leben nur sinnlos daher.

      Liebe Grüße
      psicake

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      • Claudia Riege schreibt:

        Hi,
        dass Verlust und Leid (als Beispiele) dazu gehören, sehe ich inzwischen etwas anders. Einerseits ja, es ist momentan ein Teil unseres Lebens. Doch es muss nicht so sein. In der Bibel steht nichts davon. Da steht immer „freue Dich“….nach dem Motto…alles andere ist zwar da, aber es ist überflüssig. Das hatte mich interessiert. Also bin ich dem nachgegangen. Und ich konnte tatsächlich feststellen, dass lediglich negative Gedanken dazu führen, dass man glaubt, es gibt einen Verlust. Darauf entsteht dann Leid. Es gibt keinen einzigen Grund zu leiden. Das finde ich ziemlich genial!
        Super schöne Dinge mit anderen erlebt zu haben und daraus Kraft schöpfen zu können, haben wir offensichtlich gemeinsam.
        Lieber Gruß
        Claudia

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  3. Mike schreibt:

    Sehr schön geschrieben! Dein Text erinnert mich an meinen bevorstehenden Abschied im Schwimmen. Seit 18 Jahren bin ich dem Sport verbunden und seit 10 Jahren stehe ich aktiv am Beckenrend und habe in der Zeit an die 500 Kinder und Jugendliche auf ihrem sportlichen, schulischen und privaten Weg begleitet. Zu den Sommerferien in fünf Wochen wird damit Schluss sein und ich widme mich einem neuen Kapitel in meinem Leben.
    Zwar werde ich auch in Zukunft mit Kindern und Jugendlichen zusammenarbeiten und so weit es meine Fähigkeiten erlauben, sie bei ihrer Entwicklung zu unterstützen, aber der Gedanke an den bevorstehenden Abschied ist ganz schön hart und wird alles andere als einfach werden. Vielleicht werde ich irgendwann zurückkehren, aber für jetzt brauche ich neue Aufgaben.

    Dein Text hat mich zum reflektieren angeregt und das finde ich super — Vielen Dank!

    Gefällt 2 Personen

    • psicake schreibt:

      Lieber Mike,
      vielen Dank für deinen Kommentar. 10 Jahre sind wahrlich eine lange Zeit. Was Abschiede, insbesondere nach langer Zeit, unter anderem besonders schwer macht ist die Gewohnheit. Etwas gehört unbewusst einfach zum Leben dazu und plötzlich soll es weg sein.

      Ich habe auch bei meiner Verabschiedung rumgespaßt, dass ich ja vielleicht wieder komme. Ich glaube, man hält sich das immer irgendwie offen, es ist wie ein seidener Faden, den man sich vorsichtshalber als Verbindung zu dem „alten Leben“ erhält. Aber wenn man erstmal im neuen Leben ist, besteht in der Regel gar kein Bedarf mehr. Man kapselt sich nach einer Weile automatisch von der alten Sache ab, denn man hat dann ja neue Sachen im Leben, die die alten ersetzen. Es entsteht eine neue Vertrautheit und die Verbindung zu dem, was war, verblasst.

      Es ist bei mir gerade erstmal zwei Wochen her, aber ich denke jetzt schon nicht mehr über die alte Arbeitsstelle nach, es sei denn, ich rede mit jemandem darüber, aber ich merke auch, wie eine immer größere Distanz dazu entsteht.

      Wie ich in meinem Beitrag schrieb, ist es natürlich traurig, alte Dinge loszulassen, aber nur so kommt man auch weiter und erfährt viele neue (und vielleicht sogar noch bessere) Dinge.

      Ich wünsche dir auf jeden Fall ebenfalls einen ganz tollen Abschied und viel Glück und Erfolg für das, was danach kommt!

      Beste Grüße
      psicake

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